Gesundheitsverletzung durch Unfallschock

In vorliegendem Revisionsverfahren begehrt der Kläger Ersatz immateriellen Schadens von der Beklagten, einer Haftpflichtversicherung.

Am 29.04.2007 überschritt der stark alkoholisierte Herr W. mit einem bei der Beklagten versicherten Kfz die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h um mindestens 58 km/h. Er kam von der Fahrbahn ab und geriet auf die Gegenfahrbahn, auf welcher ihm der Kläger und seine Ehefrau auf Motorrädern entgegenkamen. Herr W. kollidierte mit der Ehefrau des Klägers, die tödliche Verletzungen davontrug. Der Kläger wurde nur knapp verfehlt. Infolge den Unfalls wurde dem Kläger eine Belastungsreaktion diagnostiziert. Er gab infolge des Vorfalls seine Tätigkeit als Lkw-Fahrer auf und wechselte in den Innendienst. Darüber hinaus zog er aus der ehelichen Wohnung aus. Die Beklagte zahlte dem Kläger außergerichtlich ein Schmerzensgeld in Höhe von 4.000 Euro.

Mit seiner Klage begehrt der Kläger eine weitere Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 8.000 Euro. Er trägt vor, durch den Unfall einen schweren Schock erlitten zu haben, da er mitansehen musste, wie seine Ehefrau tödlich verletzt und er selbst nur knapp verfehlt wurde. Das Landgericht hatte die Klage zuvor mit der Begründung abgewiesen, dass der Kläger zwar eine Gesundheitsbeeinträchtigung im Sinne des § 823 Abs. 1 BGB davongetragen habe, diese aber mit den bereits geleisteten 4.000 Euro abgegolten sei.

Das Berufungsgericht hatte entschieden, dass dem Kläger gegen die Beklagte kein Schmerzensgeldanspruch zustehe. Ein solcher setze voraus, dass es zu einer Körperverletzung oder Gesundheitsbeeinträchtigung gekommen ist. Seelische Schmerzen oder Trauer genügten nach Auffassung des Landgerichts nicht, zusätzlich erforderlich seien psychische Beeinträchtigungen, die über den seelischen Schmerz, der gewöhnlich durch den Verlust eines Angehörigen verursacht wird, in Art und Schwere deutlich hinausgingen. Ein solches Ausmaß sah das Gericht im vorliegenden Fall nicht verwirklicht.
So habe der Kläger zwar ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, auch habe er seinen Arbeitsplatz gewechselt und sei aus der ehelichen Wohnung ausgezogen. Eine psychologische oder psychotherapeutische Behandlung sei jedoch nicht erfolgt. Daraus schloss das Gericht, dass eine über das normale Maß hinausgehende Trauerreaktion nicht anzunehmen sei.

Der Bundesgerichtshof entscheidet in der Revision, dass der Argumentation des Berufungsgerichts nicht gefolgt werden kann. Der Kläger hat einen Anspruch auf zusätzliches Schmerzensgeld.

Zwar hatte die Vorinstanz zu Recht erkannt, dass gewisse Einschränkungen für die Gewährung von Schmerzensgeld für sogenannte Schockschäden vorzunehmen sind, es verkannte jedoch deren Ausmaß. Insbesondere der Tatsache, dass der Kläger den Unfalltod seiner Ehegattin mitansehen musste, wurde nicht genügend Bedeutung beigemessen.

Die diagnostizierte akute Belastungsreaktion, der Berufs- und Wohnungswechsel und die fortdauernden Angstzustände, welche es dem Kläger unmöglich machen wie zuvor am Straßenverkehr teilzunehmen sprechen anders als von der Vorinstanz angenommen dafür, dass der Kläger einen psychischen Schaden erlitten hat, der über das normale Maß beim Verlust eines Angehörigen hinausgeht. Schließlich ist die direkte Beteiligung des Klägers am Unfall ein gewichtiges Argument. Anders als bei der bloßen Benachrichtigung über den Unfalltod einer nahestehenden Person liegt in wie hier gelagerten Fällen — der Kläger entkam dem Tod selbst nur um Haaresbreite — die Annahme eines Schockschadens nahe.

Urteil Az. VI ZR 548/12 BGH vom 27.01.2015